... Einschnitt im Fliegenfischen

Seit genau 50 Jahren - ich will's selbst kaum glauben - fische ich mit der Fliege, hatte natürlich früh von den alten Kingfisher Schnüren gelesen, dies und diese aber nie so ernst genommen, und war nun zum ersten mal mit einer Seidenschnur am Wasser.

Schon einige Jahren trauerte ich meinen alten DAM und ABU Schnüren der 60/70er Jahre nach, die über all ihre Lebensjahre ihre anfängliche Steifheit beibehielten, relativ dünn waren, allerdings mit Tendenz zum Memory im seltener benutzten Bereich, sich aber dennoch wunderbar zu meinen Gespließten ergänzten, während die neueren Schnüre mir zu weich und labberig waren, zudem sich elektrostatisch mit manchen Lacken der Ruten gar nicht vertrugen. Warum man diese frühen Schnüre nicht beibehalten hat, ist mir schleierhaft. So war ich immer auf der Suche nach einer Schnur, die mir die Eigenschaften der früheren wiederbringen sollte.

Nun finde ich spät, doch nicht zu spät in der Phönix Seidenschnur nicht nur diese Eigenschaften wieder, sondern obendrein noch deutlich ausgeprägter, ohne die bekannten Nachteile zu haben. Wie es mit deren Pflegeaufwand ausschaut, kann ich mangels Anzahl der Tests jedoch nicht beurteilen.

Test

Zum Testen hatte ich ein kleines, verwinkeltes Wasser im Pfälzer Wald zur Verfügung, mit kleinen, scheuen Bachforellen, niedrigem PH Wert, nahrungsarm und klar, das recht hohe Ansprüche ans Werfen stellt. Als Rute eine 9'6'' Sharpe für 6er Schnur- klassischer alter Typ für langsamen schottischen Stil, ein Riesenprügel für heutige Verhältnisse, aber mit dem Vorteil, ein wenig mehr über der hinderlichen Ufervegetation zu schweben, eine 5er WF Phönix mit Phönix Vorfach, Pitzgenbauer-Ringerl, 2 lb. Stren vor der Fliege - und recht windige Verhältnissen.

Mein Resümee

Mit wenigen Leerwürfen schon auf Distanz kommend und deutlich weniger beeindruckt vom Wind, lässt sich die Schnur sowohl präzise und scharf schießen, als auch gefühlvoll leicht an engste Stellen platzieren, legt sich dennoch mit Akkuratesse im wahrsten Wortsinn seidenweich aufs Wasser, schwimmt hoch auf,  folgt dabei der Strömung unauffällig wie ein Grashalm und treibt besser ab, als ich es je mit Kunststoffschnüren erlebt habe.

Eine Schnur mit Charakter, jedoch ohne jede Widerspenstigkeit, überträgt sie mehr als alle mir bekannten den Wille oder Wunsch des Fischers auf das entfernte Ende, sprich die Fliege; auf Anhieb stellt sich eine Vertrautheit ein, als hätte ich nie mit einer anderen Schnur gefischt.
Ich habe das gute Gefühl, das aufkommt, wenn man eine Qualitätsstufe höher steigt.

Das seidenweiche Präsentieren führe ich allerdings auch besonders auf die Kombination mit dem weichen, geflochtenen Phönix Vorfach zurück, mit Abstand das beste, das ich je benutzt habe.
Auch hatte ich den Eindruck, dass diese Schnur weniger dazu neigt, an Hindernissen im Bach hängen zu bleiben.

Der Kontakt mit dem Fisch erfühlt sich direkter als mit einer Kunststoffschnur, was wohl an der geringen Dehnung, als auch an der Haptik der Schnur liegt. Und das Tüpfelchen vom i - das Abheben geht ebenso  federleicht wie das Ablegen, hinterlässt auf dem Wasser fast keine Spuren, was dem Vergrämen der Fische - und des Fischer - sicher entgegenwirkt.

Für die Linke ist die Oberfläche der Schnur ein Genuss beim Anfassen, und die Klänge liegen leicht und angenehm in der Hand ohne "Gekringel" und "Widerspinst". Für viele, die immer noch nach der "noch besseren Rute" suchen, sei angeraten es mit dieser Schnur zu versuchen. Ich denke, so mancher wird seine "Alte" nicht wiederkennen...

Vielleicht ein Tipp,

Es mag sinnvoll sein, eine schmale, gut ventilierte Rolle mit großem Durchmesser zu wählen, damit die Schnur während des Fischens besser abtrocknet und damit länger benutzt werden kann.

All diese Merkmale, die mir aufgefallen sind, mögen in ihrer praktischen Bedeutung für die meisten Fliegenfischer als übertrieben dargestellt erscheinen, aber wie ein Geigenspieler für seine Violine immer nach dem "rechten" Bogen sucht, suchen manche von uns die passende Schnur zur Rute - und sei es nur dazu, einen weiteren Schritt hin zur inneren Zufriedenheit zu tun...

Summa summarum

... eine teure, aber kostbare Schnur, die dem gewohnten Fliegenfischen eine neue (alte) Dimension gibt, Muse, Beschaulichkeit und Ästhetik vermittelt und die Eigenschaft hat, ihren Werfer sich noch ein wenig mehr von der zunehmenden Hightec-Umtriebigkeit abwenden zu lassen, Ihn damit ein wenig mehr  zum Wesentlichen des Fliegenfischens (zurück)führt zur Greenheart voll und zur Bambusrute fast schon ein Muss darstellt und dem Isaac Walton Zitat ganz besonders gerecht wird: "...eines nachdenklichen Mannes Erholung". Ich habe ich seit Kingfisher's Zeiten leider viel zu viele Jahre auf das genussvolle und ästhetische Fischen mit einer Seidenschnur verzichtet und damit sicher auch auf manchen Erfolg nämlich scheue Fische an schwierigen Stellen unter widrigen Umständen doch noch an die Fliege zu bekommen. - das wird sich nun ändern!

Kurt Becker,
Lemberg im Januar 2012